Donnerstag, 26. Januar 2012

Der Herzwirbel ist verrutscht

Ich brauche kein Horoskop, ich hab ja meine Masseuse. Gestern stellte sie fest, dass mein Herzwirbel verrutscht ist und prophezeite mir, dass ich die nächsten Tage etwas nahe am Wasser gebaut haben würde. Jo!
Außerdem offenbarte sie mir noch etwas über den Unterschied zwischen meinem männlichen und meinem weiblichen Schulterblatt. Ohne Details.
Die höllischen Kopfschmerzen hat sie auch vorhergesagt, allerdings vergaß ich nachzufragen, wie lange sie anhalten.

Dienstag, 10. Januar 2012

Ich sag nicht, dass Du spinnst

"Ich sag nicht, dass du spinnst", sagte Landwehr und blickte besorgt auf Luisas bleiches Gesicht, das ihre schwarzen Augenringe und die geplatzte Lippe noch betonte. "Ich sag nicht mal, dass du überempfindlich bist und den normalen militärischen Umgangston zu persönlich nimmst."
"Danke", seufzte Luisa und führte ihre Tasse zum Mund, was etwas schmerzhaft wurde. Sie verzog das Gesicht. Sie beiden waren fast die einzigen, die um diese frühe Uhrzeit nach der Nachtschicht noch etwas im Casino tranken. Die anderen Nachtschichtler hatten sich schon schlafen gelegt.
"Leider", sagte Landwehr, "ist dieser Umgangsstil hier normal. Ich sage nicht, dass ich ihn gut finde. Aber es ist so Sitte."
"Den Boden einzuseifen?" Luisa hatte sich die Lippe aufgeschlagen, weil man an ihrem Arbeitsplatz den Boden so präpariert hatte, dass sie stürzen musste. Und sie war ungeschickt gefallen. Ihr Handgelenk war blau und nicht verbunden. Sie hatte es vermieden, schon wieder zu Dr. Song zu gehen mit ihren Verschwörungstheorien. Immer mal wieder passierten ihr solche Unfälle.
"Unter anderem. Sie testen dich. Was du nun tun musst, wäre dich zu revanchieren."
"Ich soll dafür sorgen, dass sie sich wehtun?" fragte sie entsetzt. "Aber das wäre gegen jeden Anstand und gegen die Dienstvorschrift."
Landwehr zuckte die Schultern.
"Ihre heilige Dienstvorschrift?" staunte Luisa. "Sie erinnern sich, dass..."
"Dieses Gespräch", schmunzelte er, "ist rein privat und hat natürlich niemals stattgefunden, falls mich jemand fragt. Oder dich."
Luisa murmelte: "Ich habe schonmal... nur ein Mal... und der andere hat sich sehr weh getan... Ich fühle mich heute noch schlecht dabei."
"Ist er dran gestorben?"
"Nein, aber er hat eine Narbe am Kinn."
Landwehr lachte. "Also keiner hier an Bord."
"Nein, früher. Ich hab mich schrecklich mies gefühlt."
"Du musst dich entscheiden. Wenn du Funker bleiben willst, musste du mit den Funker-Wölfen heulen."
"Fachbegriffe reichen wohl nicht?"
"Nee. Entscheid dich."


Zwei Tage später sah man Erwin mit eingegipstem Arm und Bluterguss auf der Stirn herumhumpeln. Der Arbeitsunfall war untersucht worden, aber die Untersuchung ergab kein Fremdverschulden. Er musste wohl selbst vergessen haben, den Feststellhebel zu fixieren, an dem er sich die Stirn geschlagen hatte.
Genauso wie Luisa ihre verschüttete Milch für ihren Ausrutscher als Unfallursache angegeben hatte.
Im Jahresmittel ergab sich auf der Funkstation aber keine erhöhte Unfallgefahr. Stürze kamen auf einem Schiff immer mal wieder vor.

Mittwoch, 28. Dezember 2011

Bitte Daumen drücken!

Wer möchte, darf mir die Daumen drücken. Ich habe mir vorgenommen, 2012 einen Preis bei einem Schreibwettbewerb zu gewinnen. Habe heute Vormittag die dritte Einreichung erstellt.
Ich schätze, dass ich bei jedem Wettbewerb ungefähr eine einprozentige Chance habe (auch bei 500 Einreichungen - bei aller Bescheidenheit, aber viele Teilnehmer halten sich ja nicht mal an die Teilnahmebedingungen!). Wenn ich also bei 20 Wettbewerben mitmache, müsste meine Chance bei 20%, also einem Fünftel stehen. Klingt doch nach einer realen Chance!

Nicht mein Leisten

Heute habe ich mich also mit dem Aquarellmalen versucht. Au weia! Das eine sollte eine sonnige Mittelmeerterrasse werden.
Leider ist mir die Insel im Hintergrund explodiert. Ein Tropfen
Wasser genügte. Und der Busch ist in rosafarbene Flammen aufgegangen.
Das andere Bild imitierte eine eigentlich sonnige Sommerlandschaft. Leider vertat ich mich bei der Farbe des Himmels und überhaupt bei allen Farben. Nun sieht auch dieses Bild so aus als KÖNNE demnächst etwas Schlimmes passieren. Gewitter, Hagel, Sturm, Einfall der Mongolen oder was auch immer hinter dem stufigen Horizont lauert.

Vor einigen Monaten hatte ich es auch schon mit Zeichnen versucht. Was flauschig und leicht sein sollte, wirkte hart, dafür wurden alle scharfen Kanten zu einer zittrigen Schlangenlinie. Die Schatten spielten die Hauptrolle im Bild, während das eigentliche Motiv bescheiden in den Hintergrund trat. Die Bergen sahen aus wie Toblerone und die Bäume wie Kohlköpfe.

Ich brauche also schätzungsweise noch 20 Jahre, um entweder Zeichen oder Malen zu lernen! Andererseits ist die Pinselei so schön entspannend und umschließt einen mit einem ganz wohligen Kokon. Ich wusste gar nicht, dass es so leicht ist, an nichts zu denken! Ich fühle mich jetzt als sei ich in einer anderen Dimension gewesen zum Energietanken. Beim Schreiben ist es umgekehrt. Heute Vormittag habe ich geschrieben und danach fühlte ich mich total ausgelaugt und emotional aufgewühlt.

Montag, 26. Dezember 2011

Zeiten des Aufruhrs

"Zeiten des Aufruhrs" ist ein wundervoller Film über die Verwirklichkung von Träumen versus das Spießerleben. Darüber was es heißt, sich lebendig zu fühlen. Es geht die ganze Zeit um die Frage: "Habe ich das Zeug, aus diesem Leben auszubrechen, meine eigenen Wege zu gehen und etwas ganz Besonderes zu sein?"
April zerbricht an dieser Frage und auch daran, dass sie jahrelang darauf gehofft hatte, ihr Leben mit einem Gleichgesinnten zu verbringen. Und dann stellt sich heraus, dass sie sich etwas vorgemacht hat. Er ist genauso ein Spießer wie all die anderen. Sie wartete jahrelang auf die Erfüllung eines Versprechens, das nie gemacht wurde. Und sie muss auch noch als Sündenbock für das Platzen aller Träume herhalten!

Und was tun Sie gegen die "hoffnungslose Leere" dieses Lebens?

PS: Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass es in meinem Leben keine hoffnungslose Leere gibt. Regelmäßig gibt es ziemlich hoffnungslosen Overflow, alle paar Jahre auch mal hoffnungsfrohe Leere, aber meistens rauscht ein ständiger Fluss von wild gemischten Hoffnungen und Enttäuschungen durch meinen abwechslungsreichen Alltag.

Montag, 28. November 2011

Pullis und Gürtel

Nur eines der ulkigen Details aus dem Alltag:
Wenn Jungs vom Stuhl aufstehen, dann ziehen sie die Hose hoch.
(Weil die Hüfte schmaler ist als der Bauch.)
Wenn Mädels vom Stuhl aufstehen, ziehen sie den Pulli runter.
(Weil der Po dicker ist als die Taille.)

Kapitulation?

"Ich kann´s nicht", sagte Luisa und blickte auf ihre Hände, die sie zwischen ihre Knie geklemmt hatte.
"Nicht?" fragte Landwehr.
"Ich kann in dieser harten Männerwelt nicht bestehen, das sehe ich jetzt endlich ein. Ich habe es versucht, aber..."
"Hast du es wirklich versucht?"
"Ja!"
"Hat dich denn einer von denen durch seine körperliche Überlegenheit fertig gemacht?"
"Nein", sagte sie und hob den Kopf, blinzelte Landwehr an. "Sondern mit ihrer überlegenen Grausamkeit. Ich weiß, ich müsste genauso gemein und skrupellos sein, um in dieser Welt zu überleben. Aber ich kann´s nicht. Ich bin nicht so wie ihr."
"Wie ich?" fragte Landwehr pikiert und hob die Augenbraue. "Bin ich grausam, gemein, skrupellos, unfair?"
"Sie müssen es nicht sein. Jeder wüsste, dass Sie es könnten, wenn Sie wollen."
Landwehr lachte. "Es gibt das dumme Volk und die Menschen, die wirklich zählen. Mag sein, dass 99% aller Menschen mich respektieren, weil sie mich fürchten. Zu Unrecht oder zu Recht, das weiß ich selbst nicht. Aber was zählt ist das restliche Prozent. Diejenigen, die wissen, dass ich fair bin. Streng, aber fair. Und vor allem bin ich zu mir selbst noch viel strenger als zu anderen."
"Ich könnte das nicht so wie Sie."
Landwehr lachte wieder. "Natürlich könntest Du das auch. Wenn Du genauso viele Streifen am Kragen hättest wie ich, dann könntest Du genau das. Was glaubst du denn, wie ich hier hin gekommen bin? Auf einer rosaroten Wolke? Meinst du nicht, dass auch mich die Arschlöcher verleumdet und beschädigt haben? Dass ich nicht auch oft ans Aufgeben dachte? Aber am Ende, am Ende setzt sich Dummheit und Grausamkeit nicht durch. Irgendwann finden diese Typen ihren Meister. - Nur dass eben Erwin und Bill nicht so recht in dein Feindbild reinpassen. Die haben echt was drauf. Sie sind prima Kerle, wenn man sie zu nehmen weiß."
"Ich sag doch, dass ich versagt habe!"
"Und ich sag dir, dass du es noch nicht mal mit ihnen versucht hast."
"Aber sie sind stärker als ich!"
"Dummerchen, du sollst nicht zwei Giganten besiegen, sondern dich mit ihnen verbünden."
"Ihnen in den Arsch kriechen?"
"Wenn du sie nicht leiden kannst, dann würde man das so nennen. Bist du sicher, dass sie den Krieg mit dir wollen?"
"Aber..."
"Halt noch zwei Monate durch und nimm nicht alles persönlich. Sei zäh, die testen dich nur. Sie wollen herausfinden, ob du zum Funker taugst. Besteh ihre Tests!"

Donnerstag, 10. November 2011

Warum?

Warum fragen mich die Leute immer genau dann nach dem Weg, wenn ich mich selbst verlaufen habe? Weil ich die einzige bin, die nicht zielstrebig an ihnen vorbei hetzt?
Warum bitten mich ständig Fremde um Hilfe, wenn es mir gerade schlecht geht? Weil sie unsere Gemeinsamkeit wittern?
Geht es mir aber gut, dann stürzen sich die Neider und Sadisten auf mich, um mir die Fröhlichkeit aus dem Gesicht zu reißen und alles was ich habe aus den Händen.
Und: Könnte ich bitte meinen unseligen Wunsch rückgängig machen, ich möge nie wieder Illusionen haben?

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Luisas erster Fehler

Luisa stand vor dem Käpt´n und hoffte, der Fußboden würde sich auftun und das Vakuum des Alls würde sie nach draußen saugen.
Der Käpt´n sagte lange nichts, sondern sah sie nur an mit seinen etwas geröteten kleinen Augen.
"Junge Frau", begann er ruhig. "Ich habe Ihnen vertraut. Ich habe Sie für zuverlässig gehalten. Sonst hätte ich Sie nicht für diese Position ausgewählt."
Luisa schlug die Augen nieder und fragte sich, wann das Linoleum der Brückenhalle sich endlich unter ihr auftun würde. Alle Augen waren auf sie gerichtet, denn es handelte sich um das, was Landwehr mit "öffentlichem Auspeitschen" bezeichnete.
"Wie viel Uhr haben wir?" fragte der Käpt´n.
Luisa blickte auf ihre Armbanduhr und antwortete: "8 Uhr und 2 Minuten, Sir."
"Und wann wäre Ihr Dienstbeginn gewesen?"
"8 Uhr, dachte ich", antwortete Luisa kleinlaut. Sie wusste nun, dass das nicht stimmte. Um 7:50 Uhr hatte die Uhr sie geweckt, und da stand schon auf dem Ziffernblatt ihr erster Termin für heute: "Dienstbeginn um 00:00:00 Uhr - überfällig seit 07:50:00".
Zwei Minuten vor 8 hatte sie abgehetzt die Brücke betreten und war sofort dem Kapitän in die Arme gelaufen. Am Funkertisch saß grinsend Erwin. Er hatte heimlich den Schichtplan umgestellt, der Arsch!
"Major Müller", fragte der Kapitän, "wann hätte dieses Fräulein seinen Dienstbeginn gehabt?"
"Um Mitternacht exakt, Sir", kam die triumphierende Antwort. "Um sie zu ersetzen habe ich eine Doppelschicht gefahren, Sir."
"Herzlichen Dank, für Ihren Einsatz, Müller", sagte der Kapitän. "Wenn wir lauter solche Leute hätten wie die junge Dame hier, dann wären wir schon längst in der Weite des Alls verloren gegangen!"
Was sollte sie sagen? Sollte sie Erwin anschmieren? Aber war es nicht ihre Pflicht, regelmäßig den Dienstplan zu prüfen? Hatte nicht ihre Uhr sie informiert? Nur dass sie gestern nach hartem Training bereits um 23 Uhr ins Bett gegangen war und geschlafen hatte wie ein Stein. Darum hatte sie auch die Benachrichtigung um 23:30 Uhr nicht mehr wahrgenommen. Nach militärischen Maßstäben war sie schuld, nicht Erwin.
"Tut mir leid, Sir, ich kann das erklären", sagte sie, noch immer den Fußboden betrachtend.
"Sicher", erwiderte der Kapitän, "das können sie alle. Aber ist es auch eine gute Erklärung? Ist es eine, von der Sie glauben, dass ich sie akzeptieren werde?"
Luisa schüttelte den Kopf. "Der Dienstplan hat sich kurzfristig geändert und ich habe es nicht mitbekommen, Sir. Ich erkenne, dass ich einen Fehler gemacht habe."
"Das ist ja schonmal etwas. Sie werden sich nun bei Müller entschuldigen für Ihre Säumigkeit und ich überlasse es ihm, von Ihnen zu fordern, was er für richtig hält."
"Bitte!" rief sie ängstlich. "Bitte bestrafen Sie mich!"
Der Kapitän blickte verwundert zu Müller hinüber, nahm aber seine Anweisung nicht zurück, sondern scheuchte Luisa winkend fort: "Wegtreten, halten Sie uns nicht von der Arbeit ab. Und dass mir das nicht wieder vorkommt!"

Dienstag, 25. Oktober 2011

Einfalt

Der Einfältige nimmt sich weder wichtig noch findet er sich tragisch.
Er folgt seinem Weg als gutmütiger Mensch mit leichtem Herzen, ohne Ziel, ohne Bedauern, ohne Ungeduld.
Die Welt ist sein Königreich, und sie genügt ihm vollkommen.
Die Gegenwart ist seine Ewigkeit, die ihn überglücklich macht.
Es gibt nichts zu beweisen, und deshalb will er niemandem etwas vormachen.
Es gibt nichts zu suchen, weil alles schon vorhanden ist.
Was gäbe es einfacheres als die Einfachheit?
Was gäbe es leichteres?
Genau dies ist die Tugend der Weisen
und die Weisheit der Heiligen.
Matthieu Ricard

Montag, 24. Oktober 2011

Das Leben ist kurz

Dass das Leben kurz ist, bedeutet nicht,
dass wir so unmoralisch wie möglich leben sollen,
um diese kurze Spanne
mit möglichst viel Gier und Extase zu füllen.
Es bedeutet umgekehrt auch,
dass es sich lohnt,
Opfer für das zu bringen,
was einem richtig erscheint.
Denn genauso
wie der Spaß
wird auch das Leid
nicht ewig dauern.
Aber unsere moralische Zufriedenheit
begleitet und trägt unsere Seele
für den Rest der Ewigkeit.

(Nein, das ist ausnahmsweise nicht von Landwehr, das ist von mir!)

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Luisa soll Funker werden

"Und?" fragte Landwehr, als Luisa sich zu ihm setzte.
Er hatte bereits seine Gulaschsuppe zur Hälfte ausgelöffelt, während ihr voller Suppenteller noch auf dem Tablett dampfte.
Sie strahlte. "Alles wird gut. Der Alte ist gar nicht so übel."
"Jetzt mache ich mir Sorgen!" ulkte Landwehr und wies mit dem Löffel auf den leeren Platz ihm gegenüber.
Luisa konnte nicht verhindern, dass sie sich umblickte, um zu sehen, wer beobachtete, dass sie sich zum unbeliebtesten Ausbilder des ganzen Schiffs setzte. Aber in dem Raum, der angefüllt war von Gulaschduft, Stühleschieben, Mittagsgesprächen und Löffelklappern achtete niemand darauf, dass Luisa sich auf einen der letzten leeren Plätze setzte.
"Er war ganz freundlich, wirklich, und scheint mich auch ganz gut zu finden", strahlte Luisa.
"Was hat er denn genau gesagt?" fragte Landwehr misstrauisch und pustete auf seinen Löffel.
Luisa beugte sich vor und flüsterte: "Er hat mir sogar Tee angeboten. Und ich durfte mich in einen Sessel setzen."
"Uuuu", scherzte Landwehr, "wozu wollte er dich denn verführen, der alte Knabe?"
Luisa lächelte. "Der Käptn will, dass ich eine Zusatzausbildung zum Funker mache."
"Ah."
"Ja, meine Ergebnisse in den Prüfungen ergeben, dass ich ideal dafür geeignet bin."
"Er findet sonst keinen anderen Trottel."
"Das ist ein ehrenwerter Posten!" muckte Luisa auf.
"Ja, und genau deshalb klebt Erwin auch so dran. Ist dir schon aufgefallen, dass wir bereits zwei Funker haben? Erwin und Bill heißen sie und die sind doppelt so schwer wie du - jeder von denen."
"Haha, sehr witzig."
"Das wird überhaupt nicht witzig, wenn die dich zu Brei schlagen, Kindchen."
"Aber warum sollten sie das tun? Sie sind wirklich ein schlechter Mensch, der von allen nur das Schlimmste denkt!"
"Frag die beiden doch, ob sie sich freuen, Zuwachs zu kriegen."
"Dann können sie öfter frei machen. Urlaub und so. Bisher arbeiten sie ja jeden Tag 12 Stunden. Der Funkerposten muss ständig besetzt sein."
"Jepp, sehr wichtige Position. Die sind auf ihren Stühlen festgewachsen. Die wohnen an ihrem Arbeitsplatz. Meistens sitzen sie zu zweit da und spielen Schach. Kannst du Schach?"
"Nein, aber für Schach braucht man ja nur zwei Spieler."
"Eben! Schwarz und weiß. Für Rosa ist kein Platz auf dem Spielfeld."
"Warum rede ich überhaupt mit Ihnen?" fragte Luisa und zerrupfte wütend ihr Brötchen.
"Damit dir jemand die Wahrheit sagt?" schlug er vor.
"Aber selbst wenn Sie recht haben. Ich könnte doch dem Käptn sowas nicht abschlagen."
"Nein, aber ich rate dir, dich dumm zu stellen und ein paar harmlose Funksprüche zu versieben. Dann..."
"Ich soll absichtlich Fehler machen?"
"Willst du irgendwann volljährig werden oder nicht?"
"Ich BIN schon volljährig, Sie Hornochse!" Sie blickte sich nach einem anderen Sitzplatz um, aber es war keiner frei.
"Gut, du hörst also nicht auf meinen Rat. Du wollest einfach nur, dass ich dir dazu gratuliere, dass der Käptn dich den beiden Funk-Haien zum Fraß vorwirft. Ich gratuliere also. Und falls du dich dann bei mir ausheulen willst, dann werde ich mir den schlimmsten aller schlimmsten Mentorensprüche verkneifen, der da heißt: 'Ich hab´s dir doch gleich gesagt!'"
"Sie verderben mir die ganze Freude an dieser Auszeichnung."
"Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, sagten wir damals auf der Erde. Du weißt schon, Porzellan ist dieses Zeugs, das kaputt geht, wenn es der Schwerkraft folgend..."
"Ja, ja, ich erinnere mich", knurrte sie. "Ich bin schließlich nicht auf diesem Schiff geboren, wo man aus Blechnäpfen isst."
"Der Kapitän hat Porzellan. Hat er es dir nicht gezeigt?"
"Vielleicht bei meiner Beförderung zum Oberfunker", knurrte Luisa.
"Hey, du willst zwei Morde begehen?" fragte Landwehr mit gespieltem Erstaunen.
"Nein, ich werde verdammt gute Arbeit leisten."
"Und was ist das, was Erwin und Bill tun?"
"Schachspielen?"
"Mädchen, du hast eine interessante Ausbildung vor dir. Du wirst fürs Leben lernen. Falls du es überlebst." Landwehr hatte seinen Teller leer und während er sich erhob, flüsterte er: "Dann lass ich dich mal in Ruhe essen. Die Suppe schmeckt kalt nämlich wie tote Füße."
Er hatte schon das Tablett erhoben und wandte sich ab, da sagte Luisa: "Ich fürchte, Sie haben wie immer Recht. Wenn der Käptn jemanden lobt, ist was faul dran."
Landwehr grinste und hob die Hand an die Mütze zum Gruß. Dann ging er davon, um sein Tablett auf das Förderband zu stellen.
Luisa stocherte in ihrem Gulasch herum. Sie fühlte sich gar nicht so großmäulig wie sie getan hatte. Obwohl die beiden Funker die meiste Zeit des Tages saßen und Schach spielten, sah man sie auch oft genug im Trainingsraum. Beide hatten das Kreuz eines Boxers. In was war sie jetzt schon wieder reingeraten? Und warum passierte so etwas immer ausgerechnet ihr? Sollte sie wirklich absichtlich Fehler machen? Zunächst mal würde sie sich die Sache ansehen. Vielleicht waren Erwin und Bill ja eigentlich ganz nett und ihrem Charme nicht abgeneigt? Sie galten als intelligent und kluge Menschen mochten doch die Gesellschaft anderer kluger Menschen. Sie seufzte. Eigentlich wollte sie ganz gerne Funker werden, aber war sie bereit, dafür ihre gerade Nase und die Vorderzähne zu riskieren?

Dienstag, 4. Oktober 2011

Die Lincoln-Verschwörung

Der junge Anwalt setzt sich dafür ein, das Leben seiner Mandantin zu retten, deren Schuld nicht eindeutig beweisbar ist. Je länger der Prozess dauert, umso deutlicher wird, dass so mancher Zeuge vielleicht schuldiger ist als die Angeklagte und dass hier im Hintergrund manipuliert wird. Trotz aller Warnungen kämpft er weiter. Vor dem Prozess war er ein Kriegsheld mit besten Aufstiegschancen im Ministerium, nach dem Prozess ist er unerwünschte Person. Er hat für die Gerechtigkeit gekämpft, viel riskiert und viel verloren. Aber offensichtlich hat er als Journalist weitergekämpft:
http://thisweekinthecivilwar.com/2011/04/26/colonel-frederick-a-aiken-biography/

Und hier noch Informationen zu Mary Surratt:
http://en.wikipedia.org/wiki/Mary_Surratt
Faszinierend, wie gründlich der Film den Fotografien ähnelt!

Montag, 3. Oktober 2011

Rufmord

„Aber das ist ungerecht!“ rief Krasowski. „Sie müssen das richtigstellen!“ Statt sich wie angewiesen auf den Stuhl zu setzen, stapfte der junge Mann wütend in dem ansonsten leeren Casino hin und her.
Landwehr schüttelte den Kopf. „Das ist unnötig und unmöglich.“
„Aber sie verbreiten überall, ich hätte meine Dienstpflicht verletzt! Dabei leiste ich mehr unbezahlte Überstunden als jeder von denen!“
„Solange ich weiß, dass es sich dabei um Lügen handelt, kann dir keiner was.“
„Sie schubsen mich im Duschraum und zerstören mein Handtuch! Wer weiß, was als nächstes kommt!“
„Das tun sie nicht deshalb, weil du angeblich zu wenige Dienststunden leistest, mein Sohn“, seufzte Landwehr. „Sie tun das, weil du diese Sonderausbildung bei mir machst und sie es dir neiden.“
„Wollen Sie etwa sagen, dass es richtig ist, was die tun?“
„Es ist nicht richtig, aber es ist mächtig. Selbst wenn du ihnen dein Zeitkonto offen legst, werden sie immer noch Betrug unterstellen. Und selbst wenn man sie dazu zwingen könnte, nicht mehr auf deinen Stunden herumzuhacken, würden sie etwas anderes finden. Die Frage für dich lautet nicht, ob und wie du dich wehren willst, sondern: Willst du diese Ausbildung weiterführen und ein Außenseiter bleiben? Oder wieder einer von ihnen werden?“
„Könnte ich das denn?“ fragte Krasowski. „Ich bin doch unehrenhaft degradiert worden.“
„Ich könnte mich für dich einsetzen.“ Landwehr sah ihn an ohne zu blinzeln. „Also, was willst du?“ Seine Falten sahen schärfer aus als sonst.
„Das ist ein Test, oder?“ fragte Krasowski misstrauisch.
Landwehr lachte. „Eine Prüfung, die dir die Gruppe auferlegt, wie so vielen vor dir. Willst du einer von vielen sein oder willst du etwas Besonderes sein? Du musst dich klar und bewusst entscheiden und die Folgen davon tragen.“
„Ich hatte mich schon entschieden“, sagte Krasowski leise.
„Aber du musst es jetzt wieder tun, jetzt wo du weißt, wie sehr es dich schmerzt.“
„Sehen Sie mit Ihrer Lebenserfahrung denn keine Möglichkeit, dass ich Sicherheitsingenieur werden und trotzdem einer von ihnen bleiben kann?“
„Du kannst einer der oberen Riege werden, das kannst du.“
Krasowski schloss die Augen und atmete stoßweise und schluchzend. „Scheiße, war ich früher glücklich.“
„Also, was macht dich für den Rest deines Lebens glücklich? Denk zwei Tage drüber nach, es eilt ja nicht.“
„Mach ich“, versprach Krasowski bedrückt.
Landwehr legte ihm die Hand auf die Schulter. „So ist das Leben. So sind die Menschen.“

Donnerstag, 29. September 2011

Wassereinbruch

„Wassereinbruch in Schott 7! Wassereinbruch in Schott 7!“
Während Krasowski und Landwehr den Gang entlang rannten, ihre Helme unter dem Arm, fragte der Junge irritiert: „Sind wir hier denn im U-Boot?“
Landwehr zog nur die Schultern hoch und rief zurück: „Da bin ich auch gespannt!“
Schließlich drückten sie sich die Nase an der Fensterscheibe einer Zwischentür von Schott 7 platt.
„Das gibt´s doch nicht“, lachte Sergej. „Ein Wasserrohrbruch, ganz wie zu Hause auf der Erde!“
Das sich drehende längliche Schiff hatte in seinem Inneren die Technik und alle lebenswichtigen Abteilungen, während der Komfort in der äußeren Reihe lag. Schott 7 enthielt unter anderem den Rosengarten. Irgendein Forscher hatte festgestellt, dass Rosenduft – nur echter! – gut für die Nerven sei. Da das Schiff um seine Längsachse rotierte, klebte die Erde außen an der Schiffswand und die Rosen wuchsen nach innen. Von oben beziehungsweise innen wurden sie nun von einem Schwall Wasser geduscht, den die Fliehgeschwindigkeit durch die Zwischenwand in den Rosengartenraum presste.
Der Techniker kam gerade um die Ecke und erklärte: „Die Waschmaschine war verstopft und lief über.“
Nun prustete auch Landwehr. „Gut, wir werden das dann mal aufwischen. Schalten Sie so lange die Dusche ab!“
Sie stiegen durch die Luke hinein in den Rosengarten. „Bei Regen duften Blumen besonders stark“, stellte Sergej fest. „Brauchen wir die Gasmasken?“
„Hey, nichts gegen Blumenduft!“ rief Landwehr, hängte seinen Helm über einen Pfosten, an dem sich gelbe Rosen hoch rankten, und stellte eine Plastikwanne, die er an der Wand fand, unter das Loch im „Dach“. „Das ist wirklich wie auf der Erde“, schmunzelte er, während ihm Spritzwasser auf die Haare pflatschte. „Übrigens ist das Wasser warm“, bemerkte er.
Sergej fragte: „Vertragen die Rosen Seifenlauge oder müssen wir sie nun entgiften?“
„Ich würde sagen, davon sterben sie nicht so leicht.“
„Wollen wir das Risiko wagen?“ fragte Krasowski ernsthaft. „Falls sie eingehen, können wir hier im Weltall nicht so leicht neue tanken.“
„Quatsch, jede Raumstation züchtet ihre eigenen Rosensorten. Rosen im Weltall zu kaufen ist gar kein Problem.“
„Gut, dann können wir wohl davon ausgehen, dass das Wasser versickert und wir keine Umgrabearbeiten zu machen brauchen.“
„Richtig, Herr Sicherheitsingenieur.“
„Tja, dann gibt es eigentlich gar nichts zu tun.“
„Doch, wir überwachen das hier, bis der Regen aufhört.“ Landwehr blickte mit zusammengekniffenen Augen nach oben. Aus dem Wasserstrahl war ein Tropfen geworden, sie hörten die schweren Schritte von Sicherheitsschuhen über ihrem Kopf. Eine Pumpe begann zu vibrieren.
„Eigentlich“, sinnierte Sergej, „müssten gerade Waschmaschinen in der Schwerelosigkeit besser funktionieren als unter Schwerkraft. Sie heben ja die Schwerkraft mit viel Mühe auf.“
„Puh“, machte Landwehr. „Wenn der Wäschekeller schwerkraftlos wäre, stell dir diese Sauerei vor! So haben sie das Fußbad wenigstens nur an einer Wand. Allerdings frage ich mich, wie viele Löcher dieses Raumschiff noch hat, die bisher keiner bemerkte. Ohne diesen Wassereinbruch hätten wir nie entdeckt, dass etwas undicht ist zwischen Wäschekeller und Rosengarten.“
„Ist das ein Problem, hier im Inneren?“
„Nicht, solange in allen Räumen die Luft rein ist. Aber stell dir eine Feuerbrunst vor oder das Explodieren eines Giftfässchens, und plötzlich verbreiten sich Rauch oder Dampf im ganzen Schiff, weil es durch ein Labyrinth von Löchern durchzogen ist. Da werden wir demnächst mal Tests mit Zitronendampf durchführen.“
„Zitronendampf?“ fragte Sergej. „Ich habe davon gelesen. Aber wird das nicht eine riesige Sauerei, wenn wir alle Räume mit gelbem, nach Zitrone stinkenden Qualm fluten?“
„Nicht alle. Die anderen kriegen Orange oder Pfefferminz“, knurrte Landwehr. „Verdammter Gestank wird das, alle werden uns verfluchen. Wir werden Wochen brauchen, bis die letzten Spuren Raumparfum getilgt sein werden. Aber ich halte das hier dringend für nötig, das hat seit Jahren keiner mehr auf diesem Schiff gemacht. Und das hier“, er wies auf das Loch in der Decke, „ist ein Zeichen, dass es dringend mal wieder nötig ist. Wir sollten uns schämen, dass wir nicht früher drauf gekommen sind, wir elenden Geruchsfeiglinge.“

Mittwoch, 28. September 2011

Erwartungen

"Wie können Sie so grausam sein?" jammerte Christina, die zum dritten Mal durch dieselbe Prüfung durchgefallen war. Somit war ihre Ausbildung schlagartig vorbei. Sie weigerte sich zu entscheiden, ob sie lieber auf dem Planeten aussteigen wollten, wo sie sich gerade befanden, oder zur Erde mit zurück wollte. Christina versuchte stattdessen Landwehr dazu zu bringen, sie doch durch die Prüfung durchkommen zu lassen.
"Man kommt im Leben nicht umhin", dozierte Landwehr, "immer mal wieder ein Arschloch genannt zu werden. Je mehr Macht man besitzt, umso mehr Menschen erwarten, dass man ihnen etwas schenkt. Im Sinne von Gerechtigkeit und Qualität wäre es aber falsch, dich weiter durch die Ausbildung zu schleppen."
"Aber ich bin doch nur durch die Prüfung gefallen, weil gerade..."
"Nein, das bist du nicht. In den gesamten 10 Monaten deiner Ausbildung war ständig etwas anderes. Menschliche Dramen, Krankheiten, Streit und Ärger. Glaubst du, die anderen leben in einem Bilderbuch? Warum sind die anderen durchgängig arbeitsfähig und bestehen ihre Prüfungen, während du von Anfang an eine Sonderbehandlung gebraucht hast?"
"Ich habe eben so viel Pech im Leben", weinte sie und schlug die Hände vor das Gesicht.
"Pechvögel können wir hier nicht brauchen", sagte Landwehr. "Tut mir leid."
"Nein, das tut Ihnen überhaupt nicht leid! Von Anfang an konnten Sie mich nicht leiden! Ich werde mich über Sie beschweren!"
"Tu das ruhig, Kind. Aber es gibt nichts, was für deine Behauptung spricht. Warum denn haben die anderen Lehrkräfte dir auch schlechte Noten gegeben?"
"Weil Sie sie gegen mich aufgehetzt haben!"
Landwehr lachte. "Nun wird es immer abenteuerlicher. Kind, merkst du nicht, in was du dich hinein steigerst? Warum kannst du nicht einsehen, dass du hier einfach am falschen Ort bist? Die Ausbildung passt nicht zu dir. Vielleicht steckt in dir eine geniale Mathematikerin oder eine begabte Kosmetikerin. Warum willst du unbedingt einen Beruf ergreifen, der dir schwer fällt?" Er kannte die Antwort. Sie war auch schon bei anderen Ausbildungen nach einem halben oder ganzen Jahr ausgeschieden. Aber er war nicht dazu berufen, ihre Lebensprobleme zu lösen. Für die Arbeit an Bildschirmen war sie jedenfalls die Falsche. Unkonzentriert, zappelig, oberflächlich.
"Sie sind ein Frauenhasser, das weiß doch jeder!"
"So?`" Er hob die Augenbraue. "Weiß das jeder? Was jedermann so weiß, kann man wie stets in der Pfeife rauchen. Ich weiß jedenfalls, dass du trotz dreimaligem Versuch immer noch nicht die Regeln der Navigation verstanden hast. Du würdest selbst einen Frachter versenken, der die Umlaufbahn seines Planeten nicht verlässt."
"Ihre Fragestellungen sind völlig unklar, da weiß man nicht, worauf Sie hinaus wollen!"
"80% aller Studenten haben aber meine Fragen richtig verstanden. Was folgt daraus?"
"Ich hasse Sie!"
"In Ordnung, ich bin ein Arschloch und du bist raus. Wenn du beschließt, zur Erde zurück zu kehren, bezahlt dir die Armee die Überfahrt und einen Gehalt der Stufe 17. Du wirst dann in der Küche arbeiten."
"Dafür bin ich gut genug oder was?"
"Wer essen will, muss auch arbeiten. Auf einem Schiff sind Ressourcen knapp. Entscheide dich."

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